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Inklusion und multikulturelle Gesellschaften – ein Erfahrungsbericht aus Kanada

Botschafter Stéphane Dion

Amerika Haus, Köln,
Rathaus Köln, Alter Markt, 50667 Köln

6. März 2018

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Reker,

Sehr geehrter Herr Dr. Minz,

Sehr geehrter Herr Dr. Becker,

Liebe Freundinnen und Freunde Kanadas,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Es ist mir eine Ehre, heute bei Vertretern des Amerika Hauses und Mitgliedern der Deutsch-Kanadischen Gesellschaft zu sein und über das Thema zu sprechen, das mir angetragen wurde: multikulturelle Gesellschaften und Inklusion.

Es ist ein Thema, das für die Zukunft unserer Gesellschaften sehr wichtig ist: werden sie inklusiv sein, freundlich und auf Vertrauen gründen – oder geschlossen, misstrauisch und getrieben von Populismus, Fremdenfeindlichkeit und gewalttätigem Extremismus?

Beginnen wir bei Ihrer eigenen Stadt, Köln. Wie Sie wissen, leben heute Menschen aus mehr als 180 Nationen in Ihrer schönen Stadt, und mehr als ein Drittel der Einwohner von Köln hat einen Migrationshintergrund.

Die größte Gruppe unter ihnen sind, wie Sie wissen, Menschen aus der Türkei und ihre Nachfahren, die in den sechziger Jahren und danach nach Köln kamen, um Deutschlands Wirtschaft zu unterstützen. In jüngerer Zeit hat die Stadt eine große Zahl von Menschen aufgenommen, die wegen Krieg aus ihren Heimatländern geflohen sind. Unter ihnen sind 6000 Syrer.

Ich habe gehört, dass Köln sich darum beworben hat, ein zentrales Museum für Einwanderung zu bauen, in Anerkennung der langen Einwanderungsgeschichte der Stadt. Das weltoffene Köln wäre mit Sicherheit ein guter Standort für ein solches Museum. Frau Reker: Ihr persönlicher Einsatz für Integration und Multikulturalismus beeindruckt mich sehr.

Diversität ist eine Tatsache. Sie ist in Köln eine Tatsache. In Kanada machen Einwanderer der ersten und zweiten Generation inzwischen nahezu 40 % der Bevölkerung aus, und mehr als zwei Drittel leben in Vancouver und Toronto. In OECD-Ländern hat der Anteil von Einwanderern an der Bevölkerung seit dem Jahr 2000 um ein Drittel zugenommen. Unsere Gesellschaften werden immer vielfältiger hinsichtlich Ethnizität, Kultur und Religion. Unsere Gesellschaften altern und die Geburtenrate ist zu niedrig, um einen Bevölkerungsrückgang zu verhindern. Bald, wenn nicht schon jetzt, hängt das Bevölkerungswachstum vollständig von der Einwanderung ab – das kanadische Statistikamt prognostiziert, dass dies in Kanada im Jahr 2030 der Fall sein wird. Die Arbeitskräfte, die für unsere Volkswirtschaften nützlich sind, kommen zunehmend aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Unsere Länder haben internationale Abkommen unterzeichnet, in denen sie sich verpflichten, Menschen aufzunehmen, die vor Krieg, Terror und Verfolgung fliehen. Derzeit gibt es 60 Millionen Flüchtende und Vertriebene, und diese Zahl wird wahrscheinlich noch steigen, teilweise auch aufgrund von nachteiligen Einflüssen wie dem Klimawandel.

Die Diversität ist bereits hier und wird sich nur noch mehr ausweiten. Wir können versuchen, sie so weit wie möglich einzudämmen und zu vermeiden, oder wir können sie gestalten, sodass sie eine Stärke, eine Quelle der Bereicherung wird. Die zweite Wahl ist die richtige Wahl.

Diversität ist eine Tatsache; Inklusion ist eine Entscheidung. Diese Maxime, formuliert von Premierminister Trudeau, ist der Kern meines heutigen Vortrags. Hinzufügen möchte ich den Appell von Bundeskanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel: „Wir schaffen das.“ Es gibt Gründe dafür, hoffnungsvoll und optimistisch zu sein. Allerdings nur, wenn wir uns für die richtige Politik, die richtige Philosophie entscheiden.

Deshalb müssen Deutschland und Kanada zusammenarbeiten und voneinander lernen – gerade jetzt, da wir ein Handelsabkommen haben. Das Canada-EU Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA) ist eine hervorragende Gelegenheit, unsere wirtschaftlichen Verbindungen zu stärken, aber darüber hinaus auch unsere Beziehungen im wissenschaftlichen, kulturellen und zwischenmenschlichen Bereich. Deshalb bin ich optimistisch, dass NRW im Bundesrat für CETA stimmen wird, wenn die Abstimmung ansteht.

Ich hatte soeben die Ehre, mit Ministerpräsident Armin Laschet zu sprechen, und hatte auch ein sehr interessantes Treffen mit Frau Serap Güler, der Staatssekretärin für Integrationspolitik.

Und ich habe heute Abend viel über Frau Gülers NRW-weites Projekt „Einwanderung gestalten“ erfahren. Frau Güler hat bereits gute Kontakte zur kanadischen Botschaft und ein langjähriges Interesse, den deutsch-kanadischen Austausch zu unseren Einwanderungssystemen zu fördern.

Nun, es ist tatsächlich so, dass es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit eine echte Faszination für das kanadische Modell der Integration von Einwanderern gibt. Ich werde ständig darauf angesprochen, seit ich vergangenen Mai als Botschafter von Kanada in Deutschland und Sondergesandter von Premierminister Trudeau bei der Europäischen Union und in Europa hierher gekommen bin. Die Europäer interessieren sich insbesondere für das kanadische Punktesystem zur Auswahl von Einwanderern.

Wir erläutern gerne alle fachlichen Aspekte unseres Punktesystems. Zusammenfassend würde ich sagen, die Stärke des Systems liegt darin, dass es den unmittelbaren Bedarf von Arbeitgebern berücksichtigt. Doch das ist noch nicht alles. Die Auswahlkriterien beinhalten auch das Humankapital der Bewerber sowie deren berufliche und sprachliche Fähigkeiten. Bemerkenswert ist, dass das kanadische Modell nicht gänzlich von dieser gezielten Auswahlstrategie für Einwanderer abhängt, als ob es ein Patentrezept wäre, aus dem sich ganz allein alle weiteren Vorteile des kanadischen Systems ergäben. Stattdessen stellt das kanadische Einwanderungsmodell die Basis für eine ganzheitliche, übergreifende Aufnahmepolitik dar, die die gesamte Gesellschaft mit einbezieht. Dies setzt sicherlich die politische Steuerung von Diversität voraus, geht jedoch über diese hinaus. An ihrem Grunde liegt eine wahrhafte Philosophie des Lebens in der Gemeinschaft, die auch in unserer Verfassung verankert ist: dem Grundsatz des Multikulturalismus. Darauf komme ich noch zurück.

„Die Freiheit zieht nach Norden: Kanadas Beispiel für die Welt”, titelte 2016 die Oktober-Ausgabe des The Economist. Fürwahr ein großes Lob, und das aus allen Richtungen! Und doch wäre es für uns Kanadier weise, nicht selbstgefällig zu sein, trotz der Komplimente, die wir erhalten aufgrund unserer Aufnahmekapazität und der Tatsache, dass in Kanada keine größeren populistischen ausländerfeindlichen Parteien entstanden sind. Unser Modell für die Integration von Neuankommenden kann noch verbessert werden, und wir können von anderen Ländern lernen. Man müsste taub und blind sein, um die in unserem Land durch Hassverbrechen, Hassreden und Diskriminierung allzu gegenwärtige Ausländerfeindlichkeit nicht zu hören und zu sehen. Ein zum richtigen Zeitpunkt veröffentlichter Bericht des Ausschusses der Vereinten Nationen zur Beseitigung der Rassendiskriminierung hat uns an diese Tendenzen erinnert. Die Probleme, mit denen die Angehörigen der indigenen Bevölkerung Kanadas zu kämpfen haben, weisen darauf hin, dass wir uns dauerhaft noch mehr anstrengen müssen, um unser Land dem Modell von Offenheit und Toleranz anzunähern, das die Welt in uns sieht.

Eine Überlegung, die die Kanadier in ihrem Wunsch, andere Länder zu belehren, bescheiden und zügeln sollte, ist der komparative Vorteil, den uns unsere geografische Lage verschafft. Um nach Kanada zu gelangen, muss man entweder einen Ozean über- oder die Vereinigten Staaten durchqueren - zwei Hindernisse, die regelwidriger Einwanderung einen Riegel vorschieben. Diese geografische Isolation erleichtert jedoch nicht nur die Auswahl der Einwanderer, sondern auch deren Integration. Schließlich stellt die große Entfernung zu ihren Heimatländern auch einen psychologischen Faktor dar, der Neuankommende motiviert, sich in ihren Aufnahmeländern zu integrieren. Auch kommen die Einwanderer in unser Land wahrlich aus aller Herren Länder, sie haben kulturelle Vielfalt im Gepäck und stammen nicht ausschließlich aus einer einzigen Region. Auch dieser Aspekt erleichtert die Integration. Unsere geografische Lage hat uns bei der Auswahl von Einwanderern geholfen, die eine der Einwandererbevölkerungen mit dem weltweit höchsten Bildungsniveau hervorgebracht haben und nach OECD-Angaben sogar die Spitzenposition einnimmt.

Dies schmälert ja nicht die Verdienste, die wir uns als verhältnismäßig offenes, tolerantes Land erworben haben. Wir sollten uns jedoch vor Augen halten, dass unsere Möglichkeiten, die Auswahl der Einwanderer und das Tempo der Einwanderung zu steuern, unsere Arbeit leichter machen.

Premierminister Trudeau verkündete, dass Kanada 25.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen würde, standen die Kanadier mit Begeisterung zusammen. Sie wussten jedoch, dass die gesamte Operation unter Kontrolle bleiben und sich die Zahl der Ankommenden nicht verzehnfachen würde.

Das ist ein enormer Vorteil, denn häufig ist das Gefühl des Verlusts der Kontrolle über die Immigration Auslöser für Wellen der Fremdenfeindlichkeit und des Populismus. In jüngerer Zeit haben die Deutschen mit der Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge bewundernswerte Großzügigkeit an den Tag gelegt. Das Gefühl jedoch, dass die Ströme von Einwanderern nur Fahrt aufnehmen und in eine Flutwelle münden würden, derer der Staat nicht mehr Herr wird, hat - neben den Angriffen auf Frauen in Köln - wirtschaftliche Ängste und die Besorgnis um die Identität geschürt, und auf diesen Zug sind fremdenfeindliche Organisationen und eine populistische Partei aufgesprungen. In Großbritannien legen zwei Studien nahe, dass sich der hauptsächliche Einflussfaktor auf das Brexit-Votum aus Bedenken in Bezug auf das Thema Einwanderung und dem Glauben speiste, das Land habe die Kontrolle über seine Grenzen verloren.

In Kanada haben Veränderungen in der US-amerikanischen Politik in den letzten Monaten zur Ankunft einiger Tausend unrechtmäßiger Migranten an unseren Grenzen geführt. Dies hat eine landesweite Debatte ausgelöst, die der, über die uns aus Europa berichtet wird, ähnlich ist. Auch hier beschuldigen sich Opposition und Regierung gegenseitig der Selbstgefälligkeit und Panikmache, und viele Kanadier haben begonnen, sich Sorgen zu machen. Wie Premierminister Trudeau richtig festgestellt hat, erhöht sich die Aufnahmebereitschaft der Kanadier, wenn Vertrauen in die Integrität des Einwanderungssystems besteht.

Vor diesem Hintergrund haben die Kanadier ein Integrationsmodell geschaffen, das der genauen Prüfung standhält. Vergleichbare Daten, die die OECD 2015 in einem umfangreichen Bericht über die Integration von Einwanderern zusammengestellt hat, zeigen, dass fast sämtliche Indikatoren Kanadas über den OECD-Durchschnittswerten liegen, etwa in Bezug auf den Zugang zu Beschäftigung, dem Prozentsatz an Neuankommenden, die angeben, in ihrem neuen Land diskriminiert zu werden, dem Zugang zur Staatsbürgerschaft, dem persönlichen Einkommen bzw. dem Familieneinkommen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, dem Gesundheitszustand im Vergleich zur übrigen Bevölkerung usw.

Diese guten Ergebnisse sind das Ergebnis wirksamer Strategien, wie in einer Vergleichsstudie dargelegt, die 2015 von der Migration Policy Group und dem Barcelona Center for International Affairs veröffentlicht wurde.

Unter dem Aspekt des Zugangs zur Staatsbürgerschaft steht Kanada im Ranking gut da. Die Autoren sind der Ansicht, dass effiziente Verfahren und ein einfacher Zugang zur Staatsbürgerschaft die entscheidenden Faktoren für den Erfolg des kanadischen Modells darstellen. Gut abgeschnitten hat Kanada auch bei seinen Förderstrategien für Einwanderer; neben Arbeitsmarktanpassungen zählen dazu auch die Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse von Einwandererfamilien und ihren Kindern - darunter Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten - sowie Unterstützung beim Erlernen der offiziellen Landessprachen Kanadas. Im Bereich von Maßnahmen gegen Diskriminierung und zur Förderung des Dialogs zwischen den verschiedenen Gemeinschaften belegt Kanada den Spitzenplatz.

Insgesamt lässt die Studie Kanada als eines Länder erscheinen, die Einwanderern mit der größten Aufgeschlossenheit begegnen und am besten gerüstet sind, ihre erfolgreiche Integration sicherzustellen.

Rückgrat der eindrucksvollen Leistung des Landes ist jedoch nicht nur seine wirkungsvolle Politik. Sie ist auch von einer Philosophie des Lebens in der Gemeinschaft inspiriert: von Multikulturalismus. Damit wird Diversität in Kanada als etwas begriffen, auf das man stolz sein kann, und als Herzstück des nationalen Selbstverständnisses ist Inklusion unser ständiges nationales Ziel. Multikulturalismus hat sich unter Kanadiern zu einem der beliebtesten Identifikationssymbole entwickelt und hat als solches nicht nur dem Hockey, sondern selbst der Königin den Rang abgelaufen!

In Québec spricht man eher von Interkulturalismus, um zu betonen, dass man Neuankommende ermutigen muss, Französisch zu lernen und sich die kulturellen Eigenheiten anzueignen, die Québec auszeichnen. Allerdings haben vergleichende Studien zwischen der Einwanderungspolitik Québecs und der des übrigen Kanadas zahlreiche Ähnlichkeiten offengelegt. Man könnte fast sagen, das französische Wort für Multikulturalismus ist Interkulturalismus.

Multikulturalismus nimmt als Aufnahme- und Eingliederungspolitik die gesamte Gesellschaft und nicht nur Regierungen und öffentliche Institutionen wie Schulen und Krankenhäuser in die Pflicht.

Sie bezieht auch den privaten Sektor mit ein, insbesondere, seitdem sich mehr und mehr herauskristallisiert hat, dass es sich für Unternehmen lohnt, kulturelle Vielfalt als Bereicherung zu betrachten.

Wo Bevölkerungsgruppen dieselbe Herkunft haben, ist Multikulturalismus weitgehend von Gemeinschaften abhängig. Ziel ist nicht die Schaffung von ethnischen Ghettos oder Parallelgesellschaften, wie viel zu häufig behauptet wird. Ziel ist vielmehr, das Wissen um die kulturellen Eigenheiten des Herkunftslandes oder der Herkunftsregion zum Vorteil anderer Kanadier über Generationen hinweg weiterzugeben. Ziel ist auch, Neuankommenden die Anpassung zu erleichtern. Somit können Letztere von Rat und Unterstützung profitieren, die ihnen von Kanadiern zuteil wird, die denselben Prozess der Integration durchlebt haben. Von diesen Einheimischen erhalten sie Wärme, Geborgenheit und Orientierung auf ihrer Suche nach Ausbildungsmöglichkeiten, Arbeitsstellen, Schulen und Wohnorten. Sie können ihnen helfen bei der Anpassung an die Gewohnheiten und Bräuche ihres neuen Heimatlandes, und nicht zuletzt an unser raues Klima.

Als ich im höchst multikulturellen Wahlkreis in Montréal, in dem ich 21 Jahre lang als Parlamentsmitglied gedient habe, eine Rede vor Gemeinschaften gehalten habe, habe ich den Integrationsprozess folgendermaßen beschrieben. Ich habe meinen Wählern gesagt, dass die erste Generation von Einwanderern von ihrer Herkunftsgemeinschaft unterstützt wird, die zweite Generation Zugang zum Bildungssystem hat und die dritte Generation einen Freund oder eine Freundin mit nach Hause bringt, der bzw. die einer anderen Gemeinschaft angehört. Eltern unter meinen Zuhörern berichteten mir häufig mit Tränen in den Augen, „Herr Dion, genau so ist es gewesen, nur fing das bei uns schon in der zweiten Generation an!“

Mit dieser Art von Multikulturalismus vollzieht sich Integration stetig und erfolgreich. Um Kanadier zu werden, müssen die Menschen nicht ihrer Herkunft abschwören. Ganz im Gegenteil, von Neuankommenden wird erwartet, dass sie die allgemeingültigen Eigenheiten ihrer Kultur mit den Einheimischen teilen. Arbeiten von Herrn Professor Will Kymlicka und anderen Forschern haben gezeigt, dass die Ergebnisse für sich selbst sprechen: Neuankommende identifizieren sich sehr stark mit Kanada und sind auf ihr neues Heimatland genauso stolz wie die anderen Kanadier, wenn nicht sogar noch stolzer. Genau deshalb, weil sie sich angenommen und willkommen gefühlt haben, stehen sie umso mehr zu den liberalen Werten Demokratie, Solidarität und Gleichheit der Geschlechter.

Der positive Einfluss des Multikulturalismus zeigt sich bei Kanadiern jeglicher Herkunft und Glaubensrichtung, auch bei den Muslimen, denen häufig fälschlicherweise vorgeworfen wird, sie könnten sich nicht anpassen.

Der Erfolg des Multikulturalismus sollte jedoch nie als selbstverständlich betrachtet werden. Er erfordert ständiges Engagement. In den 21 Jahren, in denen ich für den Wahlkreis Saint-Laurent—Cartierville im Parlament saß, hatte ich nur ganz wenige Wochenenden für mich, und mit dieser Situation war ich unter den Parlamentsmitgliedern bei Weitem nicht allein. Gewählte Vertreter auf Gemeinde-, Provinz- und Bundesebene sind in ihren Gemeinschaften aktiv und nehmen an Zusammenkünften, Festen und Feierlichkeiten teil. Sie wohnen Einbürgerungszeremonien bei, die als bedeutendes Ereignis wie Hochzeiten angesehen und mit Eltern, Freunden und der Gemeinschaft gefeiert werden. Gibt es in einer Gemeinschaft Schwierigkeiten, müssen gewählte Amtsträger andere Gemeinschaften ermutigen, ihre Unterstützung kund zu tun, insbesondere im Falle von Gemeinschaften, deren Herkunftsländer zueinander im Konflikt stehen. Als beispielsweise eine Bücherei in meiner jüdischen Gemeinschaft Ziel eines Hassverbrechens wurde, habe ich dafür gesorgt, dass Vertreter aller Gemeinschaften an einer Gedenkstunde teilnahmen, um ihrer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Lassen Sie mich abschließend sagen, dass ich die in manchen Ländern erhobene Behauptung, der Multikulturalismus sei gescheitert, zurückweise. Es ist zweifelhaft, ob die betreffenden Länder den Multikulturalismus wirklich auf den Prüfstand gestellt haben. Multikulturalismus kann nicht in Ländern gedeihen, die es einem schwer machen, die Staatsbürgerschaft zu erlangen, und in denen der Einbürgerungsprozess lang und kompliziert ist. Wie schon der kanadische Philosoph John Ralston Saul gesagt hat, steht Multikulturalismus vielmehr für eine Feier der Staatsbürgerschaft. Beim Multikulturalismus zielt das gesamte Einwanderungsverfahren darauf ab, dass Menschen in das Land kommen, um vollwertige Mitbürger zu werden und nicht nur, um gute Jobs zu finden. Läuft man also, auch in großen Städten, durch die Straßen, sind fast alle Menschen, die einem begegnen, Mitbürger und nicht bloße Nummern in den Augen des Staates, deren Status kompliziert, temporär oder unsicher ist.

Im Multikulturalismus überlässt man Neuankommende nicht einfach sich selbst. Stattdessen wurde eine breite Palette von Maßnahmen eingeführt, um sie auf jeder Stufe ihrer Integration zu unterstützen. Privatunternehmen sind ebenfalls der Ansicht, dass es für sie von Vorteil ist, wenn sie eigene Eingliederungsmaßnahmen entwickeln.

Abschließend ist Multikulturalismus auch zum Scheitern verurteilt, wenn die nationale Identität in Stein gemeißelt ist. Ob Ihre Vorfahren hier schon seit Jahrhunderten begraben wurden oder ob Sie gerade erst Bürger des Landes geworden sind, die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz muss sich in der Haltung des Volkes niederschlagen. Wir alle müssen für das, was wir beitragen können, auf Akzeptanz stoßen.

Diese Lehren lassen sich aus der kanadischen Erfahrungsgeschichte mit ihren Erfolgen und Unzulänglichkeiten ziehen, wobei die Besonderheiten Kanadas sowohl in Bezug auf seine geografische Lage als auch auf seine Geschichte zu berücksichtigen sind. Der gemeinsame Erfahrungsweg der Anglo- und Frankokanadier in Québec und im gesamten Land war nicht immer leicht, ganz und gar nicht. Insgesamt jedoch hat dieser gemeinsame Weg dazu geführt, dass die Kanadier ihre Diversität als Wert begreifen, der es ihnen erlaubt hat, gemeinsam eines der beneidenswertesten Länder der Welt aufzubauen und auf diesem Fundament immer mehr Einwanderer aus entlegenen Ländern willkommen zu heißen, die keine Christen sind. Die in unserer Verfassung und unserer Charta der Rechte und Freiheiten verankerte offizielle Zweisprachigkeit und unser Multikulturalismus haben sich in der Vergangenheit gegenseitig unterstützend ergänzt und müssen nun sich nun weiterentwickeln.

Dankenswerterweise hat sich Kanada nicht zu einem einförmigen Land ohne Unterschiede entwickelt. Heute sind wir eines der Länder, die am besten dafür gerüstet sind, davon zu profitieren, dass sich die Völker im 21. Jahrhundert im großem Stil vermischen.

Multikulturalismus, offizielle Zweisprachigkeit, eine dezentralisierte und facettenreiche Föderation, die erforderliche Beseitigung der Unterschiede zwischen den Lebensstandards der indigenen Bevölkerung und der anderen Kanadier, die große Entschlossenheit, mit der die Gleichheit der Geschlechter und die LGBTI-Rechte gefördert werden - all diese Werte und Interessen führen zu derselben Schlussfolgerung: Diversität ist eine Tatsache, Inklusion ist eine Wahl: die richtige Wahl. Sie ist eine Wahl, deren Erfolg in Kanada umso wahrscheinlicher ist, desto offener Kanada den Erfahrungen in anderen Ländern, so auch in Deutschland, gegenübersteht.

Inklusion ist die richtige Wahl.
Wir schaffen das.
We’ll make it.
Nous allons y arriver.

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Zuletzt geändert am:
2019-03-20